Weißgerbergasse 10 - das Dr.-Erich-Mulzer-Haus

- Das zukünftige Dr.-Erich-Mulzer-Haus
Der Straßenzug der Weißgerbergasse hat so viele alte Häuser aufzuweisen wie kein zweiter in der Nürnberger Altstadt. Mittendrin tanzt ein Haus etwas aus der Reihe: Es ist das einzige giebelständige Gebäude und fällt sowohl dadurch als auch durch seine Größe sofort ins Auge. Es wurde 1390 als Gerberhaus errichtet und verblüfft bei diesem hohen Alter durch seine Großzügigkeit.
Auf der Giebelseite befanden sich damals eine oder mehrere offene Galerien die, wie einst bei vielen Häusern in der Gasse, zum Trocknen der Häute dienten. 1728 wurde die Gerbernutzung aufgegeben. Ein Schreiner ist nun Eigentümer des Hauses. Er bereichert das Hausinnere durch eine Kassettendecke, lässt aber auch die malerische Galerie, die vielleicht der des Weinstadels ähnelte, abbrechen. Die Fassade wird in ihrem Fachwerk umgestaltet, jedoch nicht verputzt. Bis in das 19. Jahrhundert hinein zeigt das Haus durchgehend ein sichtbares Fachwerk, welches erst zu dessen Ende hinter einer Neurenaissance-Fassade verschwand.
Die Kriegszeit übersteht das alte Haus ohne große Blessuren, doch wird bereits kurz nach dem Krieg der schlechte Zustand des Dachstuhls kritisiert. Die Schäden werden jedoch einfach ignoriert. Zwar legt man das - mittlerweile arg verstümmelte - Fachwerk wieder frei, bricht aber einen erhaltenen gotischen Schleppdacherker kurzerhand ab. Nun geht es rapide bergab mit dem Baudenkmal, bis sogar mehrfach ein Abbruchantrag gestellt wird. Zum Ende des 20. Jahrhunderts ist der Zustand des Hauses fast hoffnungslos: Die Obergeschosse stehen leer, Leitungen, Fußböden und sogar fast alle Wandputze sind verschwunden. Das abgedeckte Dach ist lediglich mit einer Plane geschützt, die allerdings den Regen bis ins Erdgechoß vordringen lässt. Das Denkmal ist zum Schandfleck geworden.
Im Jahr 2000 kauften die Altstadtfreunde das Haus. Zwei Jahre später beginnen die Arbeiten im Anwesen, wobei vor allem die unzureichende Gründung auf meterdickem Füllmaterial für lange Zeit die Sanierung aufhält: Die Fundamentierung wird archäologisch begleitet, was zum einen die eigentliche Instandsetzung sehr verzögert, zum anderen aber faszinierende Einblicke in das Leben der ersten Nürnberger gestattet.
Seit 2005 wird das Holzwerk restauriert. Beginnend mit dem eindrucksvollen, unveränderten Dachstuhl werden die Holzbalken hergerichtet und die Fassaden wandeln sich von einem der unansehnlichsten Fachwerke zu einem der schönsten. Wiederhergestellt wird hier der Zustand nach 1728, da für eine verlässliche Rekonstruktion des Urzustandes die Befundlage nicht eindeutig genug war. Über einem farbig gefassten Sandstein-Erdgeschoss erheben sich zwei Fachwerkstockwerke: vorwiegend barock das erste, gotisch das zweite mit schönem verblattetem Fachwerk. Auch der mächtige Giebel darüber zeigt sich in der Konstruktion von 1390. Die Farbigkeit entspricht der Barockfassung: ockerfarbenes Holz steht neben weißen Gefachen. Ende 2006 ist nun auch dieses Haus endlich wieder mit Biberschwänzen gedeckt, der Giebel ist frei von Gerüsten und bildet eine wichtige Dominante in der Gasse. Neben einer Wohnung wird dieses gerettete Denkmal nach seiner Fertigstellung das Büro der Altstadtfreunde beherbergen und damit einen Schlusspunkt hinter jahrelange Provisorien setzen.
In Erinnerung an den verstorbenen Ehrenvorsitzenden unserer Vereinigung, Herrn Dr. Erich Mulzer, wird das Haus seinen Namen tragen und stellvertretend auch für viele andere gerettete Denkmäler an den Mann erinnern, dem unser altes Nürnberg so unendlich viel zu verdanken hat.


